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    Nikotin­beutel: Snus ohne Tabak, aber mit Nikotin

    Von Jean HinzLesezeit: 5 Minuten

    Kurz gesagt

    Nikotinbeutel, auch Nicotine Pouches, Nicopods oder White Snus genannt, sind kleine Beutel mit Pflanzenfasern, Aromen und Nikotin, aber ohne Tabak. Sie werden wie Snus unter die Lippe gelegt. In Deutschland gelten sie als Lebensmittel mit der nicht zugelassenen Zutat Nikotin und dürfen nicht verkauft werden. Behörden haben bis zu 56 mg Nikotin pro Beutel gemessen.

    Stand:
    Redaktionell geprüft:
    Quellen:
    18

    Was sind Nikotin­beutel?

    Nikotinbeutel sind Portionsbeutel aus Filterpapier, etwa 3,5 cm lang und 1 cm breit. Sie enthalten Trägerstoffe aus zerkleinertem Pflanzenmaterial, häufig Zellulose, dazu Aroma- und Geschmacksstoffe und als wirksamen Bestandteil Nikotin. Der Beutel wird unter die Oberlippe oder in die Wangentasche gelegt und dort etwa 20 bis 30 Minuten belassen. Der Speichel löst Nikotin und andere Stoffe heraus: Ein Teil gelangt über die Mundschleimhaut ins Blut, ein Teil wird mit dem Speichel geschluckt und über den Magen-Darm-Trakt aufgenommen. Den Beutel selbst nimmt man danach wieder aus dem Mund.1

    Gebräuchliche Namen sind Nicotine Pouches und Nicopods,1 in deutscher Schreibung auch Nikotinpouches.2 Oft ist auch von „White Snus“ die Rede.3 Das ist missverständlich, denn auch tabakhaltige Portionen werden als „All White“ angeboten. Ihr Inhalt ist weiß bis cremefarben, weil gebleichter Tabak oder nur sehr wenig Tabak verwendet wird.4 Die weiße Farbe allein zeigt also nicht, ob ein Produkt tabakfrei ist.

    Worin unterscheiden sich Nikotin­beutel und Snus?

    Der wichtigste Unterschied ist der Tabak. Snus besteht aus fein gemahlenem Tabak mit Wasser, Feuchthaltemitteln, Salzen und Aromen.4 Nikotinbeutel enthalten ein Pulver aus Nikotinsalzen und Trägerstoffen.2 Snus gibt es in Schweden seit Anfang des 19. Jahrhunderts,5 Nikotinbeutel kamen erst nach 2016 auf den Weltmarkt.6 Verwendet werden beide gleich. Rechtlich fallen Nikotinbeutel nicht unter das Tabakrecht, weil sie keinen Tabak enthalten.7

    Snus und Nikotinbeutel im Vergleich
    MerkmalSnusNikotinbeutel
    Tabak
    ja
    nein
    Inhalt
    feuchter, gemahlener Tabak mit Wasser, Salzen, Feuchthaltemitteln und Aromen
    Pulver aus Nikotinsalzen und Trägerstoffen, häufig Zellulose, mit Aromen
    Gebrauch
    unter der Ober- oder Unterlippe
    unter der Oberlippe oder in der Wangentasche
    Seit wann
    Schweden, Anfang des 19. Jahrhunderts
    weltweit nach 2016, in Deutschland seit Anfang 2020
    Einordnung in Deutschland
    Tabakerzeugnis zum oralen Gebrauch
    Lebensmittel mit nicht zugelassener Zutat Nikotin
    Verkauf in Deutschland
    verboten
    verboten
    Besitz und Konsum
    nicht verboten
    nicht verboten

    Woraus bestehen Nikotin­beutel?

    Nach Herstellerangaben, die das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) ausgewertet hat, enthalten Nikotinbeutel Nikotinsalze, mikrokristalline Zellulose, Salze wie Natriumcarbonat und Natriumhydrogencarbonat, Zitronensäure und Aromen.2 Die Salze heben den pH-Wert an. In einer BfR-Untersuchung von 44 Produkten lag der pH-Wert im Median bei 8,8, und im Median lagen 86 Prozent des Nikotins als freie Base vor, also in einer Form, die über die Mundschleimhaut leicht aufgenommen wird.8

    Bei 29 der 44 untersuchten Produkte fehlte eine klare Angabe zum Nikotingehalt, und Bezeichnungen wie „strong“ waren mehrdeutig.8 Welche Mengen Behörden gemessen haben, steht auf der Seite Nikotingehalt.

    Synthetisches oder aus Tabak gewonnenes Nikotin?

    Das Nikotin in Nikotinbeuteln ist entweder synthetisch hergestellt oder aus Tabak gewonnen. Eine Übersichtsarbeit zu Nikotinbeuteln weist darauf hin, dass Produkte mit synthetischem Nikotin in vielen Ländern durch das Raster der Regulierung fallen.6 Welche Variante in einzelnen Marken steckt, haben wir nicht geprüft.

    Tabakfrei heißt nicht frei von Schadstoffen. Das BfR fand in 26 von 44 Nikotinbeuteln tabakspezifische Nitrosamine, die als krebserzeugend gelten.8 Rechtlich spielt die Herkunft des Nikotins in Deutschland keine Rolle: Das Bayerische Landesamt für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit (LGL) hält Lebensmittel, denen Nikotin zugesetzt wurde, ohne Unterschied für nicht , also nicht rechtmäßig verkäuflich, weil Nikotin als neuartige Lebensmittelzutat keine Zulassung hat.1

    Welche Rechtslage gilt für Nikotin­beutel?

    Nikotinbeutel fallen nicht unter das Tabakerzeugnisgesetz; eine eigene gesetzliche Regelung gibt es in Deutschland nicht.7 Die Behörden der Länder stufen sie als Lebensmittel ein, weil sie oral konsumiert und ihre Inhaltsstoffe über Mundschleimhaut und Magen-Darm-Trakt aufgenommen werden. Da Nikotin als neuartiges Lebensmittel, im Fachbegriff Novel Food, nicht zugelassen ist, dürfen sie nicht verkauft werden. Das LGL beurteilte zudem alle 184 Proben, die ihm von Januar 2020 bis November 2025 vorgelegt wurden, als gesundheitsschädlich.1 Das Verwaltungsgericht München bestätigte diese Einstufung 2023 in einem Hauptsacheverfahren.9

    Für Snus gilt dagegen das Tabakrecht: § 11 Tabakerzeugnisgesetz verbietet das von Tabak zum oralen Gebrauch.10 Das Ergebnis ist dasselbe, die Begründung eine andere.

    Offen ist die europäische Ebene. Die Kommission der Europäischen Union (EU) vertrat im Oktober 2025, Nikotinbeutel seien keine Lebensmittel und die Mitgliedstaaten könnten sie national regeln. Rechtsverbindlich ist diese Auffassung nicht, und der Europäische Gerichtshof hat die Frage nicht entschieden.11 deutscher Behörden untersagen weiterhin ausdrücklich auch den Versand- und Onlinehandel.12 Einzelheiten stehen auf der Seite Ist Snus in Deutschland legal?, die Lage in anderen Ländern auf der Seite Rechtslage in Europa.

    Wie hat sich der Markt entwickelt?

    Nikotinbeutel sind ein junges Produkt. Die meisten Verkäufe entfallen auf die Vereinigten Staaten (USA), Schweden und Dänemark. In den USA stiegen die Verkäufe laut Marktdaten von 163.178 Verkaufseinheiten im Jahr 2016 auf 808,14 Millionen im Jahr 2022.6 Weltweit wurden 2024 laut einem Bericht der Weltgesundheitsorganisation (WHO) mehr als 23 Milliarden Einheiten verkauft, über 50 Prozent mehr als im Vorjahr.1314

    In Deutschland tauchen Nikotinbeutel laut LGL seit Anfang 2020 auf, vertrieben vor allem über Tabakgeschäfte, Automaten und Tankstellen.1 Nach der Drogenaffinitätsstudie 2025 haben 18,9 Prozent der 18- bis 25-Jährigen schon einmal Nikotinbeutel konsumiert.15 Eine von Philip Morris beauftragte Erhebung des Instituts Ipsos fand die Produkte im Sommer 2025 in 15,8 Prozent von 1.256 kleinen Geschäften in 24 Städten.16 Welche Unternehmen hinter den bekannten Namen stehen, zeigt die Seite Marken.

    Fälschungen und fehlende Kontrolle

    Was in Deutschland gehandelt wird, ist nicht zugelassen und wird vor dem Verkauf von keiner Behörde geprüft. Ob Inhalt und Angaben auf der Dose stimmen, können Käuferinnen und Käufer nicht überprüfen. Das ist unsere Einschätzung.

    Die genannte Ipsos-Erhebung meldete, ein Drittel der angebotenen Produkte seien Fälschungen gewesen, bezogen auf alle Proben jede siebte Packung.16 Die Zahl stammt aus einer von einem Tabakkonzern beauftragten Untersuchung, deren Methodik nicht unabhängig überprüfbar ist; Philip Morris nutzt sie, um eine Legalisierung zu fordern.17 Unabhängig belegt ist ein anderes Problem: Bei Testbestellungen im Januar und Februar 2025 wurden alle 16 Online-Bestellungen von Nikotinbeuteln ausgeliefert, ohne dass eine verlässliche Alterskontrolle stattfand.18 Wie Nikotinbeutel und Snus wirken und welche Risiken bekannt sind, erklärt die Seite Wirkung und Risiken.

    Häufige Fragen

    5 Antworten
    Was sind Nikotin Pouches?

    Nikotin Pouches, auch Nicotine Pouches, Nicopods oder Nikotinbeutel genannt, sind kleine Beutel aus Filterpapier mit Pflanzenfasern, meist Zellulose, Aromen und Nikotin. Sie enthalten keinen Tabak und werden unter die Oberlippe oder in die Wangentasche gelegt, wo das Nikotin über die Mundschleimhaut aufgenommen wird. In Deutschland dürfen sie nicht verkauft werden.

    Was ist White Snus?

    White Snus ist eine umgangssprachliche Bezeichnung für tabakfreie Nikotinbeutel. Der Name kann täuschen: Auch tabakhaltiger Snus wird in einer All-White-Variante angeboten, deren Inhalt durch gebleichten Tabak oder sehr wenig Tabak weiß bis cremefarben ist. Die weiße Farbe zeigt also nicht zuverlässig, ob ein Produkt Tabak enthält.

    Gibt es Snus ohne Tabak?

    Tabakfreie Produkte gibt es, sie heißen Nikotinbeutel und sind streng genommen kein Snus. Statt Tabak enthalten sie ein Pulver aus Nikotinsalzen und Trägerstoffen wie Zellulose. Nikotinfrei sind sie nicht: Behörden haben bis zu 56 mg Nikotin pro Beutel gemessen. In Deutschland gelten sie als Lebensmittel und dürfen nicht verkauft werden.

    Sind Nikotin Pouches in Deutschland erlaubt?

    Verkauft werden dürfen sie nicht. Behörden und Gerichte stufen Nikotinbeutel als Lebensmittel ein, deren Zutat Nikotin als neuartiges Lebensmittel nicht zugelassen ist; das Bayerische Landesamt für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit hält die gemessenen Mengen außerdem für gesundheitsschädlich. Besitz und Konsum sind nicht verboten. Behörden untersagen ausdrücklich auch den Versand- und Onlinehandel.

    Was ist der Unterschied zwischen Nikotinbeuteln und Snus?

    Snus besteht aus feuchtem, gemahlenem Tabak. Nikotinbeutel enthalten keinen Tabak, sondern Nikotinsalze, Pflanzenfasern und Aromen. Verwendet werden beide gleich, unter der Lippe. In Deutschland gilt für Snus das Tabakrecht, für Nikotinbeutel das Lebensmittelrecht. Verkauft werden dürfen beide nicht, Besitz und Konsum sind nicht verboten.

    Quellen

    18 Belege
    Alle 18 Belege anzeigen
    1. 1

      Bayerisches Landesamt für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit (LGL)

      Nikotinbeutel und andere oral zu konsumierende Portionsbeutel

      Zu den Textstellen12345
    2. 2

      Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR)

      Gesundheitliche Bewertung von Nikotinbeuteln (Nikotinpouches), aktualisierte Stellungnahme Nr. 023/2022

      Zu den Textstellen123
    3. 3
    4. 4

      Bayerisches Landesamt für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit (LGL)

      Tabak zum oralen Gebrauch: Snus & Co. auf der Spur

      Zu den Textstellen12
    5. 5

      Rutqvist LE, Curvall M, Hassler T, Ringberger T, Wahlberg I (Mitarbeitende von Swedish Match), Harm Reduction Journal

      Swedish snus and the GothiaTek standard, Harm Reduction Journal 8:11

      Zur Textstelle
    6. 6

      Travis N, Warner KE, Goniewicz ML u. a., Nicotine & Tobacco Research

      The Potential Impact of Oral Nicotine Pouches on Public Health: A Scoping Review, Nicotine & Tobacco Research 27(4):598-610

      Zu den Textstellen123
    7. 7

      Wissenschaftliche Dienste des Deutschen Bundestages

      Zur Legalität von tabakfreien Nikotinbeuteln in Deutschland, WD 8 - 3000 - 074/24

      Zu den Textstellen12
    8. 8

      Mallock N u. a., Bundesinstitut für Risikobewertung (Tobacco Control)

      Levels of nicotine and tobacco-specific nitrosamines in oral nicotine pouches, Tobacco Control 33(2):193-199

      Zu den Textstellen123
    9. 9

      Verwaltungsgericht München

      Urteil vom 31.05.2023, M 26b K 20.6308

      Zur Textstelle
    10. 10
    11. 11

      Wissenschaftliche Dienste des Deutschen Bundestages, Unterabteilung Europa

      Unionsrechtliche Klassifizierung tabakfreier Nikotinbeutel, EU 6 - 3000 - 060/26

      Zur Textstelle
    12. 12
    13. 13

      zm Zahnärztliche Mitteilungen

      WHO rügt aggressive Werbung für Nikotinbeutel

      Zur Textstelle
    14. 14
    15. 15
    16. 16

      Lebensmittel Praxis

      Illegaler Handel: Nikotinbeutel in jedem sechsten Geschäft erhältlich

      Zu den Textstellen12
    17. 17

      Philip Morris GmbH

      Schwarzmarkt für Nikotinbeutel floriert (Pressemitteilung)

      Zur Textstelle
    18. 18

    Änderungen: 1

    1. Erstfassung.

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